wenn die nacht dir eine stunde klaut und dafür eine oma schenkt. [für mehr zivilcourage im echten leben]


zeitumstellung heißt ja entweder, dass man eine stunde länger oder kürzer hat. beim schlafen, feiern oder arbeiten. während ich aktuell das "feiern faste", wollten meine kumpels daniel und rene von mir nach gießen gefahren werden. hier im dorf ist ja nie was los. kein problem, ich hatte nichts vor und man hilft sich auf diese weise immer mal gegenseitig aus.

der eine war schon latent nervös, weil man ja eine stunde "geklaut" bekommt. der andere war gechillt und bot mir noch eine limo an. gegen viertel vor zwölf waren wir dann auf dem weg. daniel saß vorne, rene auf der rückbank. wir unterhielten uns ausgelassen über andrea berg. in einer scharfen kurve auf der landstrasse griff mir daniel plötzlich ins lenkrad. eine ältere dame in dunkler kleidung kam uns zu fuß entgegen - ich hätte sie fast über den haufen gefahren. mein herz raste und der erste gedanke war: "das ist ja wie im horrorfilm!" uns war sofort bewusst, dass hier etwas nicht stimmte. es war egal, dass die nacht uns eine stunde klauen würde und wir durch das anhalten und zurückfahren noch mehr zeit verlieren würden.

nach dem zweiten kontaktversuch wussten wir ihren namen. hildrud* (diesmal wurde der name auch wirklich von der redaktion geändert) kam aus gießen, war nach eigenen angaben "so ein bisschen für sich unterwegs" und wusste nicht, wo sie genau wohnte. während sich hildrud, daniel und rene weiter angeregt unterhielten, rief ich bei der polizei an und schilderte die situation. der herr in der leitung wollte kollegen zum angegeben ort schicken. prima.

da standen wir also neben meinem auto, bei dem ich für die sicherheit mal das warnblinklicht angelassen hatte. hildrud erzählte, dass sie nur spazieren gehen wollte und es plötzlich dunkel gewesen sei. jetzt wollte sie sich eigentlich einen platz zum schlafen suchen. ihre art zu reden war sehr liebenswert. zu ihrem klassischen rock trug sie einen passenden blazer und ein paar schwarze schuhe mit absatz. in der hand hielt sie eine handtasche. ich bot ihr den beifahrersitz an, im auto wäre es wenigstens etwas wärmer. ehe ich mich versah, saß hildrud im auto, ohne darüber einen gedanken zu verschwenden, wer wir sind und ob wir vielleicht etwas böses wollen. ich nahm neben ihr platz, die jungs warteten draußen. kinder hatte sie. die wären schon erwachsen. und enkel auch. mehrfach entschuldigte sie sich, weil wir jetzt wegen ihr nicht weiter fahren konnten. nach einiger zeit kam die polizei und nahm die gefundene oma mit. zum abschied entschuldigte sie sich noch einmal, gab jedem die hand und bedankte sich.

wir fuhren wie geplant weiter und malten uns nur ansatzweise aus, was alles hätte passieren können. seit wann war hildrud wohl unterwegs gewesen? hat sie jemanden, der auf sie aufpasst? wohnt sie alleine oder ist sie aus dem heim abgehauen? fragen, auf die wir nie eine antwort bekommen werden. "aber die polizistin war heiß!" - da waren wir uns alle drei einig. :)

es wird niemand unerwartet eine karte schicken "danke, dass ihr oma aufgesammelt habt." oder mit blumen vor der tür stehen. aber es wird eine nacht bleiben, an die wir uns immer erinnern werden. damals, als caro das feiern fastete, die nacht uns eine stunde klaute und uns dafür eine oma schenkte.

ich schreibe das hier nicht, um in irgendeiner weise anerkennung zu bekommen, sondern weil wir einfach etwas achtsamer sein sollten. mit uns, der umwelt und unseren sehr liebenswerten mitmenschen, die manchmal unsere hilfe brauchen.

schönen sonntag euch.

Kommentare:

  1. Auf dem Weg zur Arbeit - wie immer zu knapp losgefahren - sehe ich auf dem abgelegenen Gehweg den alten Hertn auf dem Boden liegen. Egal, Chef kann warten! Vollbremsung, Rückwärtsgang..... Alleine kann ich den alten Herrn nicht auf die Füsse stellen. Also ab ins Auto, zurück zum Altengeim, Pfleger suchen. Der vermisst "Hugo" schon, fährt mit mir zum Gestrandeten. Wir bringen ihn zurück......
    Monate später, in einer kalten Winternacht, erfriert Hugo in einer Baugrube. Weggelaufen, nicht gefunden trotz Aufruf und Polizei..... Schon ein paar Jahre her, aber beschäftigt mich immer mal wieder. Demenz ist genau so fies wie Krebs

    Herzlichst
    yase

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    1. Oh man, da stellen sich gleich alle Haare am Arm auf... krasse Geschichte mit einem sehr traurigen Ende. Ich glaube dir auch, dass du daran immer wieder denkst und es dich beschäftigt, Yase. Danke für deinen Kommentar. Fühl dich gedrückt.

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  2. ich hab auch schon gänsehaut. was für ein glück die oma hatte. meine schwiegermutter ist auch immer abgehauen - jetzt ist sie in einer geschlossenen - zu ihrer sicherheit. und uns gehts damit auch besser.
    liebe grüße
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  3. Hallo Caro,
    ich bin gerade durch einen Zufall auf deinen Blog gestolpert und dann habe ich diesen Titel gesehen und musste auch den Artikel dazu lesen. Da hast du ja wirklich eine kleine schöne Geschichte erlebt. Sehr schön geschrieben :o)

    Ganz liebe Grüße
    Tanja

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the purple frog bedankt sich für deinen besuch, freut sich über einen kommentar und ein baldiges wiedersehen.